Miniature Bullterrier – Familienhund & Energiebündel
James Hinks wollte in England zu Ende der viktorianischen Zeit beim Aufkommen einer breiten Mittelschicht ein modisches Accessoire für den gutsituierten Herrn erschaffen, was ihm auch zweifellos gelungen ist. Fortan erkannte man einen vermögenden Mann nicht mehr allein nur an der Höhe seines Zylinders auf dem Kopf – sondern auch anhand des vierbeinigen, guterzogenen, milchweißen Begleiters an seiner Seite.
Dass der Bullterrier im Laufe seiner Haltung als Gesellschaftshund in Verruf gekommen ist, liegt nicht an seiner Schadensbilanz – diese ist nämlich nicht vorhanden. Der schlechte Ruf ist den Medien zu verdanken, welche sich in der Vergangenheit, dem Foto eines Bullterriers bedienten, wenn es um die Berichterstattung über einen Schadensfall durch andere Hunde ging.
Wissenschaftliche Arbeiten von mehreren Universitäten im In- und Ausland bestätigen die der Politik jahrzehntelang gebetsmühlenartig vorgetragene Meinung der Bullterrierhalter weltweit noch einmal: “Der Bullterrier ist eine der freundlichsten Hunderassen überhaupt. Er bedient sich nicht dem Lösungsansatz der Aggression, wenn es darum geht aus einer Konfliktsituation herauszukommen…”, so Prof. Dr. Hackbarth von Tierärztlichen Hochschule Hannover im Mai 2005.
Der Bullterrier in Standard und Miniatur-Format hat viele Facetten. Wirkt er doch nach seinem äußeren Erscheinungsbild stark und muskulös, so verbirgt sich in seinem Innern ein weiches, sensibles Herz, das um Liebe und Aufmerksamkeit kämpft.
Immer und überall möchte der Bullterrier seinen Menschen ganz nahe sein und er liebt es, im Mittelpunkt zu stehen. Ebenso liebt er es, für seine Familie den Clown zu spielen und ist hierbei bei richtiger Führung und Fingerspitzengefühl, sehr lehrreich und für alle Tricks offen.
Die Grunderziehung gestaltet sich bei dieser Rasse relativ mühelos, er ist in der Regel kein Hund, der es auf ernste Machtproben anlegt. Dennoch ist er stur und versteht es, seinen Kopf mit so viel Beharrlichkeit und Charme durchzusetzen, dass er schon die wichtigsten Prinzipien so mancher Besitzer zum Fallen gebracht hat. Ich möchte hier nur mit einem Lächeln einige unserer Welpenkäufer ansprechen, die ihren Standpunkt : Ein Hund gehört nicht ins Bett, eines Tages schulterzuckend revidieren mussten – unser kleiner Charmeur bringt die härtesten Herzen zum Schmelzen.
Will man seinem Bullterrier jedoch weitgreifenderen Gehorsam beibringen, wie z.B. eine simple Begleithundeprüfung, so wird man feststellen, dass hierfür eine gehörige Portion Fingerspitzengefühl notwendig ist. Der Bullterrier ist nämlich stur und weich, was die Ausbildung manchmal zu einer Gratwanderung zwischen Konsequenz und Nachgiebigkeit macht.
In jedem Falle sind bei der Ausbildung Kompromisse notwendig. Wer aus dem Sporthundebereich kommt und sich überwiegend mit deutschen Schäferhunden oder anderen Diensthunderassen beschäftigt, muß sich hier gewaltig umstellen und begreifen, dass der Bullterrier niemals so akkurat arbeiten wird wie der Deutsche Schäferhund. Es ist sehr viel schwieriger, unsere Rasse zu motivieren, bzw deren Motivation am Leben zu erhalten. Denn spätestens wenn es draußen naß ist, oder zu heiß, oder zu kalt, oder wenn man einen Fehler gemacht hat und dem Miniatur Bull Terrier Unrecht getan hat, ist es vorbei mit seiner Kooperation. Und der Bullterrier versteht es, seinen Unmut – sowie all seine Gefühle – deutlich zum Ausdruck zu bringen. Lachen Sie mich nicht aus, wenn Sie dies lesen, aber der Mini hat eine Mimik, die ich in dieser Art bei keiner anderen Rasse erlebt habe und er kann seinen Ärger oder Unmut alleine mit seinem Gesicht so deutlich ausdrücken, dass man darüber lachen muß.
In der Familie sind Bullterrier außerordentlich umgänglich. Sie sind im Allgemeinen ruhig in der Wohnung, aber schnellen hoch wie eine gespannte Feder sobald sie bemerken, man will nach draußen und etwas unternehmen. Für uns sind sie die besten Kinder-Hunde, die es gibt, denn sie sind nicht nur freundlich und zuverlässig im Umgang mit Kindern, sondern sie lieben Kinder und sind sehr robust.
Irgendwie denke ich oft, Minis und Kinder sind sich vom Herzen her so ähnlich: der starke Drang, etwas zu unternehmen und zu erleben, der Unternehmungsgeist in ihren Augen, die Begeisterung, die sie für eine Sache entwickeln können, die Verbissenheit, wenn sie etwas wollen, der Dickkopf, mit dem sie manchmal durch die Wand wollen und der Trotz – und beide wollen im Grunde nur eins: geliebt werden und denen, die sie lieben, nahe sein.
Was manchmal vergessen wird, gerade von Menschen, die – meist wegen unserer restriktiven deutschen Verordnungen – vom Standard auf den Mini „umsteigen“, ist die Tatsache, dass die Minis Terrier sind. Mehr Terrier, möchte ich behaupten, als der Standard Bullterrier. Sie sind witzig, sie sind charmant, sie sind anhänglich, aber manchmal sind sie ziemlich draufgängerisch und zäh und sie lieben das Jagen. Ein Reh, ein Hase oder besonders kleine Nager sind für sie eine große Versuchung und hier muß man mit Konsequenz und einem gewissen Maß an Härte gegen den Jagdtrieb einschreiten.
Auch muß man bedenken, dass Mini Bull Terrier regelmäßige Bewegung und Beschäftigung brauchen. Es hilft das größte Grundstück nichts, wenn der Hund darin keine ausreichende Beschäftigung hat, denn der Miniatur Bull Terrier will geistig und körperlich gefordert werden. Wer absolut keinen Sport machen möchte, der muß seinem Miniatur Bull Terrier zumindest einmal am Tag die Gelegenheit geben, zu laufen, zu sprinten und in freier Natur zumindest mit seiner Nase etwas zu entdecken, mit anderen Worten, er muß zumindest täglich ausreichend spazieren gehen, wobei der Miniatur Bull Terrier nur dann wirklich glücklich ist, wenn man mit ihm spielt und seinen Beutetrieb mit Ball oder ähnlichem Hundespielzeug in die richtigen Bahnen lenkt und ausleben lässt.
Mit anderen Haustieren versteht sich der Miniatur Bull Terrier bei adäquater Erziehung und Gewöhnung gut, einzig die Meerschweinchen in unserem Reitstall würden unsere Minis doch zu gern fangen.
Die Verträglichkeit mit anderen Hunden ist absolut normal, mehr weiß ich hierzu absolut nicht zu sagen. Ein jeder Hund ist ein Individuum, so wie jedes andere fühlende Wesen auch, und hier wird es immer verschiedene Charaktere geben, die einen ordnen sich leichter ein, die anderen schwieriger, die einen sind unterwürfiger, die anderen aufmüpfiger.
Wer einen friedlichen Hund möchte, ist dafür absolut alleine verantwortlich, wer glaubt, Friedfertigkeit und Verträglichkeit an der Rasse festmachen zu können, irrt.
Wir hatten Mini Bull Terrier vom „Leisetreter-Typ“, wie ich sie nenne, bishin zu Streithähnen, alle fügten sich ins Rudel ein, bei den einen war es weniger bzw überhaupt keine Arbeit, bei den anderen mehr.
Insgesamt betrachtet ist der Miniatur Bull Terrier eine Rasse, die sich als Einzelhund in einer Familie mindestens genauso wohl fühlt wie in einem großen Rudel. Denn eines muß gesagt sein: er steht am liebsten konkurrenzlos im Mittelpunkt, Artgenossen genügen zum gemeinsamen Spazieren gehen und zum Spielen, zum Zusammenleben müsste sie der Mini Bulli eigentlich nicht haben.
Mehrere Rüden zusammenzuhalten, besonders, wenn auch Hündinnen im Rudel sind, sei den Menschen zu überlassen, die wirkliche Kenntnis und Rudelführerqualitäten haben, denn es ist nicht ganz einfach. Dies ist jedoch rasseübergreifend der Fall, nicht nur beim Miniatur Bull Terrier.
Berücksichtigt werden, eben auch im Sinne der Verträglichkeit mit Artgenossen, muß in jedem Falle das Terrierwesen, das zuweilen etwas nachdrücklichere Erziehung verlangt, denn triebhaft sind sie, unsere Minis, in jeder Hinsicht.
All dies macht den Miniatur Bull Terrier zu einem Allrounder, der seinesgleichen sucht. Er ist anpassungsfähig, für (fast) alles zu begeistern, er ist anhänglich und er ist voll von hingebungsvoller Liebe zu seinem Besitzer, die auch dem Standard Bull Terrier zu eigen sein soll. Vielleicht ist es gerade diese überstarke Affinität zum Menschen, dieses Heischen um Liebe, Anerkennung und Aufmerksamkeit, die es möglich machte, unsere Rassen dermaßen für zweifelhafte Vergnügungen zu missbrauchen, wie es in der Vergangenheit geschehen ist.
Und wenn ich mit einem Wort beschreiben sollte, warum ich mein Herz an den (Miniatur) Bullterrier verloren habe, so würde ich dies wohl mit dem Begriff der unglaublichen Liebe tun, die diese Rasse uns Menschen zu geben vermag und uns für sie empfinden lässt.
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