Kleine Einführung in die Personzentrierte Psychotherapie oder Gesprächspsychotherapie nach Carl Rogers
- Bedingungslose Wertschätzung: Der Klient wird so angenommen, wie er sich dem Therapeuten zu erkennen geben möchte.
- Empathie: Die Welt der Klientin wird mit ihren Augen gesehen. Dieses Nachvollziehen wird durch den Therapeuten auf hilfreiche Weise kommuniziert. Dadurch entsteht das therapeutische Begleiten, welches das Gewahrwerden von verzerrt oder gar nicht wahrgenommenen Erlebnisinhalten erleichtert oder erst ermöglicht.
- Echtheit des Therapeuten bedeutet die Möglichkeit von konstruktiven Auseinandersetzungen. Als Fachperson wie auch als Mensch ist die kommunizierte Echtheit, die sich in den Dienst des Rat– und Hilfesuchenden stellt, ein Mittel zum therapeutischen Fortschritt.
Rogers stelle eigentlich noch drei weitere Bedingungen für eine erfolgreiche Klienten-Therapeutenbeziehung auf, welche diese Grundhaltungen vervollständigen:
- Der Klient ist in einem Zustand der Inkongruenz (kein oder nur ein teilweises Übereinstimmen zwischen Erfahrung und Selbstkonzept)
- Es braucht einen psychologischen Kontakt zwischen dem Klienten und dem Therapeuten.
- Das therapeutische Angebot der drei Grundhaltungen muss vom Klienten zumindest ansatzweise wahrnehmbar sein.
Nur wenn diese Bedingungen (alle sechs) gleichzeitig erfüllt werden können, so sind psychotherapeutisch relevante Modifikationen auch möglich. Über die zum Teil äusserst weit reichenden Implikationen jeder dieser Punkte kann ich hier nur andeutungsweise sagen, dass Autoren wie Prouty (Pre-Therapy) gerade zum „psychologischen Kontakt“ als Bedingung international vielbeachtete Theorien zur Psychotherapie mit geistig Behinderten und auch schizophren Beeinträchtigten entwickeln konnten.
Rogers Beitrag, sechs notwendige und hinreichende Bedingungen für psychotherapeutische Veränderungen zu formulieren, kann als schulenübergreifend gelesen werden und wurde von der wissenschaftlichen Community auch so rezipiert. Zahlreiche Forschungsarbeiten über die vergangenen Jahrzehnte (weltweit) validierten dieses Modell, so dass es spätestens seit den 70-er Jahren zum State of the Art der psychotherapeutischen Psychologie gehört.
Für das Grundverständnis des Ansatzes entscheidend sind aber die ersten drei Grundhaltungen. Sie definieren die Behandlung der Problemlagen und des Leidens. Sie fördern das persönliche Wachstum, helfen, schwierigste Erfahrungen des Lebens in sein Selbst zu integrieren und geben Mut und Gelassenheit für die gegenwärtigen und zukünftigen Anforderungen. Deshalb ist nicht so sehr das Expertenwissen eines personzentrierten Psychologen und Therapeuten gefragt, sondern seine Fähigkeit, hilfreiche, therapeutische Interaktionen zugunsten des Klienten und seines Bezugsrahmens aus einer durch die Grundhaltungen geprägten therapeutischen Beziehung zu generieren. Dies erfordert viel Aus- und Weiterbildung, Übung, Erfahrung und kontinuierliche Lernbegegnungen mit den Seinen (und den Andern…).
Philosophischer und geschichtlicher Hintergrund des Personzentrierten Ansatzes
Das Betonen der komplexen Schlüsselvariable „Beziehung“ ist das historische Verdienst der personzentrierten (Gesprächs-) Psychotherapie. Ihr Begründer, Carl R. Rogers, konnte so ab den frühen 40er-Jahren des letzten Jahrhunderts eine eigenständige (humanistische) Psychologie und Psychotherapie zusammen mit andern entwickeln. Dadurch wurde eine notwendige Abgrenzung von der Psychoanalyse mit ihrer erdrückenden, zum Teil den Menschen entmündigenden Theorie möglich. Andererseits wurde es ebenso möglich, den universitären Mainstream der in den USA bereits dominanten Verhaltenstheorien von Watson und Skinner kräftig durchzurütteln und zu Veränderungen zu zwingen, die zu einer menschlicheren Lehre der Psychologie an den Universitäten der USA führte.
Das Wort „Person“ hat seine etymologischen Wurzeln im Griechischen Theater der Alten Zeit. Eine Person stellte eigentlich eine Maske dar, die dem Publikum vorgeführt wurde. Diese Maske sollte aber nichts verbergen, sondern im Gegenteil dem Publikum zeigen, wie die Person in ihrem Innenleben aussieht: Die Maske als Spiegel nach aussen, als Erkennungsmittel für die Mitmenschen. Die Theaterentwicklung der vergangenen Jahrhunderte hat die Maske dann eher als verbergendes, denn als aufdeckendes Mittel eingesetzt – wenn auch nicht durchgehend! In der Populärsprache ist die Maske jedoch nichts Aufdeckendes, sondern etwas Verbergendes. Nichtsdestotrotz kann ein philosophischer Exkurs zum Wort „Person“ nicht darum umhin, auf diese alte Bedeutung der Maske als Mittel der Darstellung dessen, was man sonst nicht sieht, hinweisen. Wer mehr über die personzentrierte Anthropologie erfahren möchte, der lese mit Gewinn den österreichischen Autor, Psychologen und Psychotherapeuten Peter F. Schmid, einer der wichtigsten zeitgenössischen Autoren innerhalb der personzentrierten Wissenschaftsgemeinde.
Geschichtliches
Der Personzentrierte Ansatz wurde in den frühen 40er Jahren vom Psychologen Carl R. Rogers (1902 -1987) begründet und von Beginn weg bis heute an den Universitäten empirisch-wissenschaftlich auf seine Wirksamkeit geprüft, gelehrt und entsprechend weiterentwickelt. Er gehört zu den best erforschten wissenschaftlichen Psychotherapieansätzen mit hoher Wirksamkeit und breitem Behandlungsspektrum. Im deutschen Sprachraum ist aus historischen Gründen die Bezeichnung „Gesprächspsychotherapie“ (nach C. Rogers) üblicher als die international korrekte Bezeichnung von „Personzentrierter Psychotherapie“ oder auch „klientenzentrierter Psychotherapie“. Personzentriert zu arbeiten erfordert eine mehrjährige postgraduierte Weiterbildung sowie theoretische und praktische Fachkenntnisse aus dem Bereich der wissenschaftlichen Psychologie (Hauptfachstudium).
Methodenintegration
Der Personzentrierte Ansatz ist aufgrund seiner grossen Offenheit sehr geeignet, verschiedene Therapiemethoden in sich zu integrieren – dies ist auch eine gewisse Gefahr! Bei einem mehr methodenintegrativen Ansatz der personzentrierten Gesprächspsychotherapie sind die oben dargestellten Grundhaltungen eine Basis und zugleich Lackmustest für die Integration von fremden Therapietechniken. Es kann nämlich sehr gut während des therapeutischen Geschehens überprüft werden, ob das Einführen von mittelbaren Techniken mit den Grundhaltungen kompatibel gemacht werden kann.
Zusätzlich zu technischen Einsprängseln können auch Theoriehypothesen aus andern Psychotherapiemodellen Eingang in die personzentrierte Arbeit finden. Eine sogenannt systemische Perspektive kann bei der Behandlung beispielsweise gewinnbringend sein und den Blick auf sich und sein Umfeld entscheidend verändern. Der aktive Einbezug des Umfelds, sei es bei Jugendlichen und ihren (elterlichen) Bezugspersonen, sei es der Partner im Fall einer Paarbeziehung, ist häufig auch eine Handlungskonsequenz der Integration eines systemischen Ansatzes in die personzentrierte Psychotherapie. Vom Modell der personzentrierten Theorie her ergäbe sich im Übrigen das Gleiche aufgrund der philosophischen Grundannahmen zum Begriff „Person“. Dieser ist schon immer über die reine Individuums-Perspektive hinausweisend. Der Begriff „Person“ kann immer nur relational verstanden werden – eine Person ohne Bezugspersonen und Mitwelt ist inexistent. Eine Person trägt in sich immer auch die Bezugsgesellschaft und die sie prägenden Bezugspersonen, das die Person umgebende „Wir“ und die entsprechenden Bezugsgruppen in sich, mit sich.
Autor:
Lic.phil. Frank Margulies, Zürich (CH)
Fachpsychologe für Psychotherapie FSP
Personzentrierter Gesprächspsychotherapeut SGGT
www.praxis-margulies.ch
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