Magie vs. Religion? Ein Blick auf gemeinsame Wurzeln.

Der Begriff der Magie wird in unterschiedlichen Bedeutungen verwandt, die das weite Feld früher animistischer Vorstellungen, totemistischer Kulte, gnostischer Erlösungslehren, neuplatonischer Hermetik und neuzeitlicher Esoterik umspannt. In den von der Aufklärung „erleuchteten“ westlichen Gesellschaften ist das Bild der Magie von der Vorstellung geprägt, ein exotischer oder ungefährlicher Zeitvertreib esoterischer Spinner zu sein. Dabei hat die Bewegung der Aufklärung, also der rationalen Erfassung des Lebens, entscheidende Impulse von eben jenen Gelehrten der Renaissance erhalten, die sowohl theoretisch wie praktisch mit veschiedenen Formen der Magie (im Kontext der jüdischen Kabbala und des Rosenkreuzertums) vertraut waren, wie z.B. der Vater empirischen Wissenschaft, Francis Bacon.

Gerade die vermeintlich vom Rationalismus beherrschte Gegenwartskultur begegnet der Magie mit jener geringschätzigen Skepsis, die der Rationalismus allen Formen des „Glaubens“ entgegenbringt. Den Religionen als institutionalisierten Glaubensformen wird dabei zumeist eine milde Nachsicht gewährt, die der Magie als nicht-institutionalisierte Form des Glaubens, gemeinhin „Aberglauben“ genannt, verwährt bleibt. Diese unterschiedliche Bewertung der Glaubensformen Religion und Magie ist in sich schlüssig und “vernünftig”, denn der öffentliche Charakter der Religion unterstützt den Zusammenhalt und die kulturelle Identität einer Gesellschaft, während die Magie als nicht öffentliche, okkulte Veranstaltung diese untergräbt.

Aus diesem Grunde wird die Magie sowohl seitens der sie in verschiedenen Formen praktizierenden Magier, Hexen, Schamanen usw. wie von den diversen akademischen Fakultäten, heutzutage in der Regel als außerhalb oder als gegengesetzt zur Religion aufgefasst. Das war nicht immer so. Wenn man sich die Ursprünge der Magie aus ihren schamanischen Wurzeln vergegenwärtigt und die Entwicklung menschlicher Gesellschaftsformen von kleinen Stammesgruppen über Stammesverbände hin zu komplexen Gemeinschaften nachvollzieht, wie sie vor allem in der städtischen Kultur zum Ausdruck kommen, leuchtet es ein, dass gewisse Vorstellungen und Praktiken der Magie abstrahiert und verallgemeinert werden mussten, um den wachsenden Gemeinschaften einen ideellen Zusammenhalt und eine kulturelle Identität zu bieten, die sie vor Auseinanderreissen und Selbstzerstörung bewahrte.

So entstanden aus den Erfahrungen und Visionen des Schamanen auf seiner Reise durch die Unterwelt konzeptualisierte Jenseitsvorstellungen, wie sie uns z.B. in der ägyptischen Religion und auch im christlichen Glauben überliefert sind. Aus dem Zerstückelung und Wiederbelebung beinhaltenden Initiatonserlebnis entwickelten sich schließlich die dann zunehmend abstrahierten Vorstellungen von Tod und Wiedergeburt, von Erlösung und Wandlung der Seele. Und der initiatorische Tod des Schamanen, der sein altes Leben oder altes Ich opfern muss, wurde in der äußeren Welt als rituelles Menschenopfer reproduziert.

Ein markantes Beispiel für einen solch initiatorischen Tod im schamanistischen Sinne ist die im Mythos vom Osiris sich vollziehende und vom dämonischen Trickster Seth eingeleitete Wandlung des Göttersohnes vom König zum Gott des Totenreiches. Gerade in der ägyptischen Religion wird deutlich, wie sehr religiöse und magische/schamanische Praktiken Hand in Hand gingen, und das für einen sehr langen Zeitraum von fast 3000 Jahren. Die Kontinuität und Dauer der ägyptischen Identität ist nicht zuletzt auf diese Vermengung von religisöer Anbetung und praktischer Magie zurückzuführen.

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