Was ist Psychotherapie? Was ist Beratung? Und was Coaching?

Beim Lesen auch qualitativ hochstehender Texte, die sich mit den Unterschieden und Gemeinsamkeiten befassen, entsteht dennoch eher wenig Klarheit. Der Grund, dass eine psychologische Beratung und eine Psychotherapie manchmal recht nahe beisammen sind, liegt in der Rolle der psychologischen Begleitung. Die psychologische Begleitung ist sowohl bei der Beratung wie auch bei der Psychotherapie wichtig und bildet somit die gemeinsame Schnittmenge.Der zweite Grund für die Konfusion liegt darin, dass stets aus der Sicht des Psychologen versucht wird zu unterscheiden. Dabei gibt es auch eine Sicht des Klienten. Für bestimmte Klienten ist etwas eher eine Beratung, was für andere eine Psychotherapie wäre. Auf die mögliche Sicht der Klientenkriterien möchte ich ebenso noch eingehen. Doch zuerst einmal möchte ich anhand einfacher Kriterien trotzdem definieren, wann am Sinnvollsten von einer Beratung die Rede sein soll. Die Sichtweise ist die des Psychologen.

Psychologische Beratung

Es gibt zwei Kriterien, die meines Erachtens die psychologische Beratung am ehesten definieren helfen.

  • Die Bedeutung von Informationsvermittlung (Wissen, Kenntnisse) durch die Fachperson (z.B. Psychologen) ist für den Klienten gross. Es handelt sich oft um eine Hilfe zur Anleitung oder um eine Hilfe, bereits vorhandene Möglichkeiten neu oder besser zu nutzen.*
  • Die Anzahl Sitzungen ist eher gering, das heisst deutlich im einstelligen Bereich.

Auch eine Beratung kann man in Phasen unterteilen. Man hört zu, lernt das Problem und die „dazugehörige Person“ kennen. Man vermittelt die Informationen und erhält Rückmeldungen bezüglich der Umsetzung der Informationen. Wenn all dies in weniger als 5 bis 6 Sitzungen stattfinden kann, dann sollte man aus meiner Sicht von Beratung reden.

Funktionen der psychologischen Begleitung

Eine psychologische Beratung kann aber zu einer psychologischen Begleitung werden und damit die Anzahl Sitzungen erhöhen sowie auch die Zeitdauer, während welcher Sitzungen stattfinden. Ebenso verkleinert sich dann die Bedeutung der Informationsvermittlung zusehends zugunsten einer hilfreichen, möglichst professionell geführten Beziehung. Dies passiert immer dann, wenn sich dank der Beratung herausstellt, dass:

  • das Mitteilen respektive Erzählen für den Klienten nur dann Sinn macht, wenn er es über längere Zeit regelmässig machen kann.
  • das Umsetzen von Fachwissen (Informationen) mehr Zeit erfordert (z.B. Erziehungsberatung bei stark verhaltensauffälligen Kindern)

Die gemeinsame Schnittmenge: Psychologische Begleitung

Aus einer Beratungssituation kann, wie bereits erwähnt, eine psychologische Begleitung erwachsen. Bei der (psychologischen) Beratung spielt die Begleitung also oft eine Rolle, zwar nicht immer und meist in geringerem Ausmass. Aber sie kann den Charakter der Beratung verändern hin zu einer Begleitung. Andererseits ist jede Psychotherapie auch eine psychologische Begleitung. Keine Psychotherapie ohne psychologische Begleitung! Somit ist die „psychologische Begleitung“ die gemeinsame Schnittmenge von Psychotherapie und (psychologischer) Beratung. Diese gemeinsame Schnittmenge ist es, welche es schwierig macht, die beiden Begriffe sauber voneinander abzugrenzen.

Definition von Psychotherapie

Gemäss der (berühmten) Definition von H. Strotzka** ist Psychotherapie folgendes: Psychotherapie ist ein bewusster und geplanter interaktioneller Prozess zur Beeinflussung von Verhaltensstörungen und Leidenszuständen. Diese Störungen und Zustände werden in einem Konsens zwischen Patient, Therapeut und Bezugsgruppe für behandlungsbedürftig gehalten. Sie werden mit psychologischen Mitteln (durch Kommunikation) meist verbal, aber auch averbal, in Richtung auf ein definiertes, nach Möglichkeit gemeinsam erarbeitetes Ziel behandelt. Das Ziel ist Symptomminimalisierung und/oder Strukturänderung der Persönlichkeit. Die Behandlung fusst auf lehrbaren Techniken. Das psychotherapeutische Vorgehen wiederum basiert auf der Basis einer Theorie des normalen und pathologischen Verhaltens.

Wenn man jetzt das Wort „Beratung“ statt „Psychotherapie“ in die obige Definition einsetzt, dann erkennt man, dass die Definition deswegen nicht einfach grundfalsch würde. Knackpunkte sind vor allem die Begriffe „Verhaltensstörung“, „Leidenszustände“, „behandlungswürdig“, „Symptomminimalisierung“ und „Strukturänderung der Persönlichkeit“. Es ist klar, dass es sich hier um das Definitionskriterium des “Krankheitswertes” handelt. Doch genau eine solche objektive Sichtweise verneint die bekannteste aller Lehrbuchdefinitionen. Es gibt die weltweit angewendeten Diagnosekriterien des ICD-10, herausgegeben von der Weltgesundheitsorganisation WHO (und das nordamerikanische Pendant dazu, das DSM). Doch ist es ausserhalb der natürlich wichtigen “Bezahlfrage” wissenschaftlich gesehen sekundär, ob es gelingt, eine eindeutige psychologische Diagnose abzugeben. Vielfach kann gerade das Stellen einer Diagnose einem vernünftigen Psychotherapie-Prozess abträglich sein. Dies führt mich zur Sichtweise der Klienten. Wann reden die Klienten eher von Beratung, wann eher von Psychotherapie?

Beratung oder Psychotherapie aus Sicht des Klienten

Aus meiner Erfahrung kann ich sagen, dass der Schweregrad der Störung sowie die Schwere der Lebensbeeinträchtigung durch das Leiden entscheidend ist dafür, ob der Klient (die Klientin) die Behandlung eher als Beratung sieht oder eher als Psychotherapie. Je schwerer die persönliche psychosoziale Beeinträchtigung vom Klienten empfunden wird, desto eher Psychotherapie. Auch die Dauer wird oft als subjektives Kriterium miteinbezogen. Je länger, desto eher Psychotherapie. Klienten beurteilen auch oft im Rückblick neu, ob es für sie eher eine Beratung oder eine Psychotherapie war. Je bedeutsamere und umfassendere Lebensveränderungen aus dem „interaktionellen Prozess“ hervorgegangen sind, desto eher Psychotherapie. Schliesslich dürfte es auch eine grosse Rolle spielen, ob jemand bei einem anerkannten Psychotherapeuten gewesen ist. Je nachdem wird der Klient auch eher dazu neigen, einen solchen „interaktionellen Prozess“ als Psychotherapie anzuschauen.

Coaching

Ein Letztes noch zum Wort Coaching. Dies ist eigentlich nichts anderes als die sogenannte Supervision. Während das Wort „Supervision“ ausschliesslich für Berufe aus dem psychosozialen Bereich verwendet wird, so wird Coaching für alle anderen Berufe verwendet (vom Verkäufer-Lehrling bis zum CEO-Manager). Bei der Supervision wie beim Coaching geht’s aber ums Gleiche: Um den Beruf oder die berufliche Beschäftigung und entsprechende Probleme damit. Das Coaching hat einen ausgeprägten Zielcharakter. Im Unterschied zu einer Psychotherapie, deren Ziele flexibler und während des Verlaufs veränderbar sind , manchmal erst im Verlauf gefunden werden, herrscht beim Coaching im Vergleich dazu Zielklarheit.

Da es natürlich im Beruf auch Leidenszustände und Störungen geben kann, sind auch hier wieder Schnittmengen vorhanden (z.B. das berühmte Burn-Out, letztlich nichts anderes ist als eine Erschöpfungs-Depression). Man darf davon ausgehen, dass der Beruf oder die berufliche Tätigkeit nebst dem Privatleben der wichtigste Teil eines jeden Menschenlebens ist. Ein Coaching, das in diesem Bereich viele Veränderungen bewirkt, kann deshalb auch ganz logisch grosse persönliche Bedeutung fürs Leben erhalten.

Dadurch ist eine Ausdehnung des Begriffs Coaching entstanden auf eine Art „Beratung mit Begleitung“. In dieser umfassenderen Spielart von Coaching, welche auch thematisch nicht mehr ans Berufliche gebunden ist, kommt in der Regel eine sich durchaus „gesund“ fühlende Person vor, die sich aber aus Effizienzgründen lieber helfen lassen will, wenn sie neue Wege zu erkunden hat. Ein durchaus vernünftiger Gedanke…

Lic.phil. Frank Margulies, Fachpsychologe FSP für Psychotherapie Zürich


* Siehe dazu „Formen klinischer Hilfssysteme, von Ludewig (1992)“. In Schlippe/Schweitzer „Lehrbuch der systemischen Therapie und Beratung“, 9. Auflage, 2003, S. 114** Ich verzichte auf den exakten Wortlaut des Zitats. Es ist zu unverständlich geschrieben. Nachzulesen bei.H. Strotzka (Hrsg.): Psychotherapie, München 1978, 2. Aufl. S. 4. +
+

Verlinken Sie diesen Artikel auf Ihrer Webseite:

nach oben |

Ranking-Hits