Die vielfachen Bedeutungen des Essens

Nahrungsmittel sind viel mehr als Substanzen zur Aufrechterhaltung des menschlichen Stoffwechsels. Essen ist Identitätsmarker, Gesellschaftsspiel, Vertrauensstifter und Traditionsträger. Es hat auch große Bedeutung in den Religionen. „Jesus teilte das Brot, gab es den anwesenden Jüngern und sagte: <<Nehmt, das ist mein Leib…>> Er reichte ihnen auch den mit Wein gefüllten Kelch und sagte: <<Das ist mein Blut, das Blut des Bundes, das für viele vergossen wird.>>” Brot und Wein sind Symbole für Lebenskraft und Energie. Bereits in den urchristlichen Gemeinden wurde in den Sättigungsmahlen ganz deutlich, welchen zentralen Charakter Essen für die menschlichen Gemeinschaften als Traditionsträger und Kitt der Gemeinschaft hatte. Sowie gemeinsames Essen der Kitt der Gemeinschaft ist, sind die Zusammensetzung der Nahrungsmittel und ihre Qualität der Kitt von Gesundheit, Energiehaushalt, Wohlbefinden, Leistungsfähigkeit und Lebensqualität des Individuums.

Falsche Eßgewohnheiten führen langfristig zu zahlreichen als Wohlstandskrankheiten bekannten pathologischen Erscheinungen. Die Problematik des massiven Übergewichts in den westlichen Industriegesellschaften ist ein zu junges Phänomen, als dass in Familien weitergegebene Traditionen über Nahrungsmittel, deren Zubereitung und Verzehrsgewohnheiten ausreichen würden, um dem Trend der „Dinosaurisierung“ des Menschen, d. h. seiner Selbstvernichtung durch Versinken in der eigenen Masse, entgegenzuwirken. Je mehr aber die tradierten Kenntnisse über Ernährung nicht mehr ausreichen, um die gesunde Ernährung des Menschen zu gewährleisten, umso mehr wird der einzelne in seiner Verantwortung für seine Ernährung allein gelassen, ohne freilich die nötigen Kenntnisse dafür vermittelt zu bekommen. Diese kann er/sie nur selbsttätig erwerben, z. B. durch die Lektüre geeigneter Literatur in Form von Diätbüchern, Ernährungsratgebern und Ähnlichem. Diese Werke nehmen aber auf die Anfangs genannten sozialen, religiösen und traditionellen Aspekte der Ernährung kaum Rücksicht.

Was gesundes Essen ist, lehrt uns die Wissenschaft in regelmäßigen Abständen unter unterschiedlichsten Gesichtspunkten neu. Was Menschen als gutes Essen empfinden, lernen sie in ihrem soziokulturellen Umfeld als Kleinkinder. Meistens bleibt man diesen in den Prägungsjahren erworbenen Nahrungspräferenzen ein Leben lang treu. Ernährungsumstellungen der Gesundheit oder Fitness zu Liebe sollten diesen Prägungen Rechnung tragen und keine zu massiven Eingriffe in Altgewohntes vornehmen. Daher ist es nötig, dass in der Begleitung und Schulung von Menschen zu einem vernünftigem Umgang mit dem, was sie zu sich nehmen, Ernährungswissenschaftler, Mediziner, Soziologen, Kulturanthropologen, Religionswissenschaftler, etc. zusammenarbeiten, um allen Aspekten der richtigen Ernährung der Menschen in immer stärker kulturell, sozial, religiös und ethnisch vermischten Gesellschaften gerecht zu werden.

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