Emotionsfokussierte Psychotherapie: Emotionen verändern
Im Laufe des letzten Jahrzehnts sind psychotherapeutische Methoden und Theorien entwickelt worden, die nicht so sehr die Kognitionen und das Denken ins Zentrum stellen, sondern auf der Basis einer Emotionstheorie zu verstehen versuchen, wie Emotionen verändert werden können. Insbesondere aus der Tradition des personzentrierten Ansatzes (Carl Rogers, Gesprächspsychotherapie) sind Theorien und Vorgehensweisen entwickelt worden, die mit dem Label “emotionsfokussierte Therapie” (EFT) bekannt geworden sind. Wichtigster Vertreter und einer der Haupttheoretiker ist Leslie Greenberg. Weitere wichtige Autoren, mit denen Greenberg gemeinsam publizierte, sind Elliot, Watson und Rice (siehe Literatur-Hinweise und links unten).
Das emotionstheoeretische Modell
Grundlage des Emotionsmodells sind die Affekte, welche allen menschlichen Lebewesen, unabhängig von Kultur und Herkunft, biologisch mitgegeben werden. Die Wissenschaft geht von circa sechs bis sieben Grundaffekten aus. Die positiven Affekte sind “Interesse/Neugierde” und “Freude”/Glücksgefühle”. Die negativen Basisaffekte sind “Trauer”, “Wut/Zorn”, “Ekel” und “Angst”. Ausgehend von diesen Grundaffekten entwickeln sich weitere Grundemotionen, insbesondere die “Scham”. Weiterentwicklungen von diesen Basisaffekten entstehen immer durch die Erfahrung, welche das Kleinkind innerhalb von Beziehungen zu seinen wichtigen Bezugspersonen macht (Interaktionen). Diese Grundaffekte kombiniert mit den interaktionellen Erfahrungen bringen sogenannte emotionale Schemas hervor, welche im Laufe einer Biografie immer zahlreicher werden, zunehmend durch Erfahrung und Erinnerungen angereichert sind und sich ausdifferenzieren. Emotionale Schemas beinhalten unsere emotionalen Reaktionen auf eine Auslösersituation, sie beinhalten Wünsche und Bedürfnisse, die aktiviert werden, und sie beinhalten eine Handlungtendenz (Motivation), welche mit den aktivierten Bedürfnissen in Zusammenhang stehen. Solche emotionalen Schemas sind in der Regel angepasst und “gesund” und integrieren fortlaufend neue Erfahrungen, welche zum bereits erstellten Schema passen. Sie können aber auch Schmerz und Leiden beinhalten, welche ebenso als Erfahrungswerte integriert werden mussten. Werden Schemas aktiviert, die Schmerz und Leiden beinhalten, so erlebt der Mensch entsprechend Probleme und fühlt sich psychisch unter Druck und Anspannung. Es kann dann zu disfunktionalen Erlebens- und Verhaltensweisen kommen, die je nach Schweregrad behandlungsbedürftig sind (sogenannte psychische Störungen).
Psyche – psychisches Erleben
Das innere Erleben besteht wesentlich aus der Wahrnehmung von aktivierten Emotionschemas. Die Wahrnehmung derselben wird durch die innere Selbstorganisation (operatives Selbst) gewährleistet. Wieviel vom emotionalen Erleben der Person gewahr werden kann, hängt wiederum vom Selbstkonzept ab. Das Selbstkonzept ist quasi das Steuerungsorgan des operativen Selbst. Das Selbstkonzept ist geprägt von Sprache, den Denk- oder kognitiven Schematas und kulturellen “Angeboten” an Wahrnehmung und Erklärung. Es ist aber auch von seiner “Fähigkeit” abhängig, auf das Erleben, das das operative Selbst bereitstellt, zurückgreifen zu können, ohne an Abwehrmechanismen zu scheitern (condition of worth). Was am Schluss von der Person tatsächlich artikuliert wird, sowohl gegenüber sich selber wie auch gegenüber der Mitwelt, ist also nur ein (kleiner) Teil dessen, was an emotionalem komplexen Erleben vorhanden ist. Aber es ist in der Regel immer soviel “gefiltertes Erleben” vorhanden, dass eine Reaktion von der Person selber erfahren werden kann, und es ist immer auch soviel, dass gegenüber der Mitwelt eine Erfahrung (Reaktion) artikuliert wird. Die nach aussen artikulierte Reaktion, bestehend aus Bedürfnissen, Zielen, Anliegen und der Handlungstendenz, kann natürlich beträchtlich differieren von der tatsächlich erfahrenen inneren Reaktion. Was nach aussen artikuliert wird, hängt wiederum stark vom Selbstkonzept ab.
Emotionen entstehen durch eine “automatische”, mehr oder weniger vorbewusste Bewertung von Situationen, welche die Person in Zusammenhang bringt mit den Bedürfnissen und Zielen, die sie im Moment der Situationswahrnehmung verspürt. Emotionen sind weder rational noch irrational, sie sind einfach jeweils der Situation angepasst oder können auch als nicht angepasst empfunden werden, und zwar sowohl von der Person selber, die die Emotion erlebt wie auch von der Mitwelt, die die Emotion aufgrund von Nachempfindung sekundenschnell nachzuvollziehen hat, damit der Kontakt zwischen Person und Mitwelt aufrecht erhalten bleibt.
Psychotherapeutische Interaktionen zur Veränderung: Interaktionstheorie oder Interventionstherorie
Greenberg identifiziert im gegenwärtigen Stand der Forschung sechs verschiedene grundlegende Prozesse, welche Emotionen verändern helfen oder verändern können. Diese sechs Prozesse kann man in drei Kategorien unterteilen.
Erste Kategorie: Zur Emotion Zugang finden
1. Intensität erhöhen: Wenn man beispielsweise die Intensität erhöhen kann, mit welcher eine Person die Emotion im Kontext einer bedeutsamen persönlichen Erzählung erlebt, so kann durch die Erhöhung der Intensität alleine die Emotion eine Veränderung erfahren. Die Veränderung gelingt in der Regel deshalb, weil nur durch eine erhöhte Intensität überhaupt die ganze Emotion, auch deren eher vorbewussten Teile, erfahren werden kann.
2. Emotion ausdrücken: Wenn die Emotion zum Ausdruck kommt, in der Regel durch geeignete Verbalisierung oder eine andere Symbolisierung, dann kann eine Veränderung dieser Emotion erfahren werden. Diese Art der Veränderung gelingt, weil bisher die Emotion nur intrapsychisch erlebt wird, aber noch in keiner Weise bewusst ausgedrückt wurde. Sie wurde zum Beispiel bisher noch nicht vor einem Mitmenschen erlebt und mit ihm geteilt. Dies reichert die Emotionen in der Regel mit neuem Erleben an.
Zweite Kategorie: Die Emotion modulieren respektive regulieren
3. Emotion regulieren: Wenn man die Emotion bewusst “reguliert”, dann kann eine Veränderung derselben möglich sein. Zum Beispiel werden Atmungsübungen explizit parallel eingeführt. Dadurch wird die Emotion rereguliert. Es können auch Visualisierungen, die bewusst parallel zur Emotion eingeschaltet werden, benutzt werden. Dazu gibt es viele psychotherapeutische “Übungen”, gerade auch aus der experienziellen Tradition (Focusing, aber kognitiv-verhaltenstherapeutische Übungen).
4. Emotion spiegeln: Wenn Emotionen empathisch korrekt gespiegelt werden (im Rogerianischen Sinne), so können mächtige Emotionsveränderungen erfahren werden. Es entsteht in der Regel eine neue Sinngebung, Einsicht und eine neue “narrative Konstruktion” der Wirklichkeit. Das heisst, die Person erzählt nach gelungener empathisch-personzentrierter Therapie-Session die gleiche Geschichte anders als vorher.
Dritte Kategorie: Die (schmerzhafte) Emotion (gezielt) verändern
5. Emotionen durch Emotionen verändern: Emotionen können am besten mit Emotionen verändert werden: “Change Emotion with Emotion” heisst hier das Leitwort. Hier werden vor allem schmerzhafte Emotionen zugespitzt angegangen, um mit ihnen bewusst zu arbeiten. Gute Techniken dafür kommen aus der Gestalttherapie (Zwei-Stühle-Technik). Emotionen beinhalten immer verschiedene Teile. Es werden die “Einzelteile” einander gegenüber gestellt und in einen Dialog gebracht. Dieser “Dialog” ist eigentlich ein Dialog, wie er genau in der Person selber abläuft, aber kaum auf eine bewusste Art. Der innere Dialog wird nach aussen gestülpt, und es entstehen dann in der Konfrontation dieser Emotionsanteile neue Emotionen. In der Regel sind es Synthesen dieser Anteile. Meistens läuft es auf eine Harmonisierung, auf eine Versöhnung unversöhnlicher Anteile und auf mehr Selbst-Verständnis hinaus.
6. Emotionen durch Begegnung verändern: Emotionen können letztlich auch durch neue interpersonale Erfahrungen verändert werden. Es sind Korrektur-Erfahrungen, die von der Person integriert werden können, weil ein Anderer über seine Art der Emotion echt und ehrlich Auskunft und sie adäquat in der Beziehung ausdrückt. Dies kann die eigene Emotion relativieren und erweitern, somit verändern.
In der Emotionsfokussierten Therapie nach Greenberg wird vor allem versucht, innerhalb der dritten Kategorie zu arbeiten und dem Klienten oder Patienten emotionsfokussierte Veränderungsangebote zu machen, die gezielt die schmerzhaften Emotionen angehen. Dabei wird mittels des empathisch-rogerianischen Verstehens versucht, innerhalb der sogenannten “Narrative”, also der Schilderung des Klienten, herauszuhören, ob bestimmte Indikatoren darin vorkommen, welche dem Therapeuten einen Hinweis geben, wie er mit den Emotionen gezielt umgehen soll. Diese Emotionen sind in der Regel schmerzhaft. Greenberg nennt sie “maladaptive emotional schemes”. Sie stellen für den Klienten das entscheidende psychische Problem dar. Diese Hinweise nennt Greenberg auf Englisch “marker”, also Wegmarken. Je nach identifizierter Wegmarke wird dann ein Bearbeitungsangebot gemacht. Greenberg hat gemäss dem aktuellen Stand der Forschung etwa zwölf solche Marker und entsprechende Bearbeitungsangebote herausgefunden (siehe Literaturhinweise).
Personzentrierte Psychotherapie und Emotionsfokussierte Psychotherapie
Beide Psychotherapie-Formen gehören zum experienziellen Ansatz, wobei innerhalb der Personzentrierten Psychotherapie Unklarheit besteht, inwiefern diese klassische Grundlagen-Therapie (im deutschen Sprachraum klientenzentrierte Gesprächspsychotherapie genannt) vollumfänglich als “experienziell” gelten soll. In dem Masse, in dem das Erleben des Klienten ins Zentrum gestellt wird, das möglichst deutungsfrei empathisch begleitet werden soll, ist die klientenzentrierte Gesprächspsychotherapie, auch in ihrer “orthodoxesten” Variante, experienziell. Sobald es aber um Bearbeitungsangebote geht, entsteht aus “reiner” rogerianischer Sicht ein Problem. Bearbeitungsangebote können gerade den experienziellen Prozess, der möglichst frei ablaufen soll, auch zum Stocken bringen. Es bleibt aber die Frage offen, wie in der orthodoxen Variante mit der Situation umgegangen werden soll, wenn der freie Prozess gerade in der Person selber blockiert ist. Es bleibt zudem die Frage offen, wie mit Personen umgegangen werden soll, die die schmerzhaften Emotionen um jeden Preis vermeiden, gleichzeitig aber um jeden Preis sich wünschen, dass diese schmerzhaften Emotionen endlich verändert werden können. Selbstverständlich ist damit ein rein personzentrierter Umgang möglich. Die Erfahrung zeigt aber, dass Therapie-Fortschritte auf sich warten lassen respektive das Leiden verlängern, wenn der Therapeut die Selbstgesteuertheit des Klienten in einer dogmatischen Art und Weise handhabt (Prinzip der Non-Direktivität).
Innerhalb der oben aufgelisteten “psychotherapeutischen Veränderungskarte von Emotionen” praktiziert die klassische klientenzentrierte Gesprächspsychotherapie eigentlich vier der sechs Prozesse. Die Ausnahme ist die bewusste Regulation und das bewusste Verändern durch eine neue Emotion (“emotional change through emotion”). Die focusing-orientierte Psychotherapie nach Gendlin, welche zur Personzentrierten Gemeinschaft gehört, ist bei Greenberg eines der Bearbeitungsangebote, welche der Therapeut dem Klienten machen kann, sofern der entsprechende Marker auftaucht. Focusing gehört somit zum Prozess “Emotionen durch Emotionen verändern”.
Anschrift des Autors
Lic. phil. Frank Margulies
Fachpsychologe für Psychotherapie FSP / SGGT – Paartherapie
8004 Zürich – Schweiz
email[at]praxis-margulies.ch
Literaturhinweise
Greenberg, L.S., Rice, L. N., & Elliott , R. (1993). Facilitating emotional change: The moment by moment process. New York: The Guilford Press.
Elliott, R., Watson, J.C., Goldman, R.N. & Greenberg, L.S. (2004/2007): Praxishandbuch der Emotionsfokussierten Therapie. München: CIP-Medien. – Standardwerk, ein idealer Einstieg in EFT.
Greenberg, L.S. (2005). Emotionszentrierte Therapie: Ein Überblick. In: Psychotherapeutenjournal, 4, 324-. 337. – Überblicksartikel
www.emotions-fokussierte-therapie [de]
www.emotionfocusedtherapy [org]
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