Zeitgenössische Musikproduktion
Musik aufnehmen ist jedoch nicht gleich Musik produzieren. Wer seine heimischen Demoaufnahmen der eigenen Musikgruppe mit kommerziellen Musikproduktionen vergleicht, stellt fest, dass trotz digitaler Aufnahmemöglichkeiten, welche heutzutage jedem zugänglich sind, die Klangunterschiede erheblich sind. Die Technik wird trotz der vielen Möglichkeiten nie das menschliche Ohr, den Verstand und seine musikalische Interpretationsfähigkeit ersetzen können. Nahezu jede musikalische Tonaufnahme in der zeitgenössischen Musik bedarf einer nachträglichen klanglichen Bearbeitung, um den heutigen Hörgewohnheiten des Musikkonsumenten gerecht zu werden.
Sehen wir uns ein Beispiel einer Musikgruppenaufnahme mit traditioneller Besetzung an (Schlagzeug, Bass, Gitarre und Gesang): Zunächst bedarf es hier an zahlreichen Mikrofonen, um eine Aufnahme zu realisieren. Bereits für eine klassische Schlagzeugaufnahme werden je nach Größe des Drum-Sets mindestens sieben Mikrofone benötigt. Mikrofone kann man grob in zwei Kategorien unterteilen: dynamische Mikrofone und Kondensatormikrofone. Jeder Mikrofontyp ist für bestimmte Frequenzbereiche optimiert. So sind dynamische Mikrofone meist für tiefe und mittlere Frequenzen geeignet, Kondensatormikrofone aufgrund ihrer empfindlichen Membran hingegen bilden die oberen Frequenzbereiche ideal ab. Im Fall einer Schlagzeugmikrofonierung eignen sich also für Bass-Drum, Snare und die Toms dynamische Mikrofone am besten. Die Brillanz der oberen Frequenzen der Becken werden durch Kondensatormikrofone ideal eingefangen. Bei der Abnahme eines Gitarrenverstärkers sind dynamische Mikrofone deswegen gut geeignet, da sich der Klang meist in den Frequenzmitten bewegt. Der Klang einer akustischen Gitarre lebt hingegen von den seidigen Saiten –und Anschlagsklängen im oberen Frequenzspektrum und wird somit optimal im Abstand von ca. 10 cm in der Höhe des 12. Bundes mit einem Kondensatormikrofon abgenommen.
Auch die menschliche Stimme klingt über ein Großmembran-Kondensatormikrofon am natürlichsten und am klarsten. Die richtige Mikrofonierung ist zwar ein wichtiger, jedoch lange nicht der einzige Schritt in der Produktionskette einer Audioproduktion. Als nächstes gilt es, eine geeignete Sequenzer Software zu finden. Aus zahlreichen Online-Umfragen geht hervor, dass das Programm Cubase der Softwarefirma Steinberg in der Homerecording Szene am beliebtesten ist. Vergleichbare Softwarelösungen sind Nuendo oder Logic, um nur zwei von zahlreichen Alternativen zu nennen. Um die Software optimal anzuwenden, bietet es sich nun an, nach einem geeigneten Tutorial zu suchen. Das Internet bietet hier zahlreiche Angebote. Es eignen sich besonders Video Tutorials, da die Folgen der gezeigten Arbeitsschritte sofort angehört werden können und dies den Lernfaktor wesentlich erhöht. Ist man nun mit dem Umgang der Software vertraut, kann nun mit der Aufnahme der einzelnen Instrumente begonnen werden. Diese werden selbstverständlich spurweise nacheinander und nicht gemeinsam mit den anderen Musikern aufgenommen. Für eine Mehrspuraufnahme ist ein Audio-Interface mit digitaler Verbindungsmöglichkeit zum Rechner notwendig (Bevorzugte Schnittstellen sind USB oder Firewire). Diese wurden in den letzten Jahren immer erschwinglicher; der Markt ist heutzutage voll mit Angeboten dieser Art.
Begonnen wird mit einer so genannten „Pilotspur“. Sie wird meist von einem Rhythmusinstrument, wie Gitarre oder Keyboard übernommen. Dabei wird das komplette Lied auf Metronom eingespielt. Bei der Pilotspur spielt der Klang zunächst keine Rolle, da diese nur eine Hilfe für den Schlagzeuger sein soll, der sich an ihr in der Songstruktur orientieren kann. Nachdem das Schlagzeug eingespielt ist, folgt spurweise die Aufnahme der übrigen Instrumente und des Gesangs. Bei Rhythmusgitarren sollte darauf geachtet werden, die Spuren je mindestens zwei mal exakt gleich gespielt aufzunehmen und diese jeweils im Stereobild nach links und nach rechts zu legen. Lead –und Sologitarren hingegen können meist einspurig in die Mitte gelegt bzw. abhängig vom Song im Stereobild verteilt werden. Da der Leadgesang meist in der Mitte des Stereobildes liegt, sollten Leadgitarren und andere Instrumente bzw. Klänge, die sich im selben Frequenzbereich befinden, vom Gesang weg positioniert werden, um der Stimme den Platz und die Präsenz nicht streitig zu machen. Zusätzlich zur Leadstimme werden häufig so genannte Dopplungen des Gesangs aufgenommen. Diese sind synchron auf den Leadgesang eingesungene Aufnahmespuren (z.B. im Refrain), die im Panorama verteilt werden. Je nach Musikrichtung reichen zwei bis sechs solcher Dopplungen aus. Die Dopplungen verleihen dem Gesang in lauten und prägnanten Stellen eine höhere Präsenz, Durchsetzungsvermögen und mehr Breite im Mix. Der Bass hingegen kommt meist mit einer einzigen in der Mitte positionierten Spur zurecht.
Nun folgt die klangliche Bearbeitung der einzelnen Instrumentenspuren. Der wohl anspruchsvollste Teil ist die Klangbearbeitung der Schlagzeugspuren. Auch hier finden sich im Netz zahlreiche Homerecording Tutorials, welche dieses Thema behandeln. Das richtige Zusammenspiel von Effekten wie Kompressoren, Equalizern, Noise-Gates, Hall und Delay macht aus einer flachen, dumpfen oder schrillen Aufnahme einen transparenten und klaren Mix. Um das richtige Gefühl für einen guten Sound zu erhalten, muss sehr viel und vor allem bewusst kommerziell gut produzierte Musik gehört werden. Erst wenn man den Sound verinnerlicht und gedanklich in seine Einzelteile zerlegen kann, gelingt es, eigene Produktionen entsprechend zu bearbeiten.
Zwar ist das Klangempfinden prinzipiell subjektiv, jedoch haben sich mit der Zeit einige Muster in der Musik entwickelt, die unsere Hörgewohnheiten erheblich beeinflusst haben und den technischen Anspruch an heutige Musikproduktionen ständig antreiben. Die genannten Hinweise sind zwar Grundprinzipien, jedoch stellen sie nur einen geringen Ausschnitt aller Möglichkeiten der Produktionskette in einer immer komplexer werdenden Welt der Klänge dar.
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